Die Odyssee – Filmkritik

Michael Sagenhorn/ August 6, 2026/ Kino und Film/ 0Kommentare

Helden! Zeitlose Namen. Unsere Vorbilder. Zu ihnen gehören auch Odysseus, Hektor und Achilles. Alte Geschichten, die Jahrtausende überdauert haben. Die Odyssee ist nach der Ilias das zweite Epos, das dem Dichter Homer zugeschrieben wird. Wahrscheinlich entstand es im 8. oder 7. Jahrhundert v. Chr.

Achtung! Hier wird es zu Spoilern kommen, was Die Odyssee, Troja und die antiken Epen betrifft!

Doch nicht nur die Geschichten sind Legende, sondern auch der Dichter selbst. Bis heute kann nicht zweifelsfrei bewiesen werden, ob es Homer überhaupt gegeben hat. Eine Phantasmagorie, die Legenden schreibt. Homer, als Sinnbild für unser kollektives Unterbewusstsein. Dort existiert eine Region, in der Sagen gewoben werden, die uns heute noch nachhaltig beeinflussen.

Bereits 2004 wurden Homers Geschichten modern und prominent verfilmt, in Wolfgang Petersens Troja, der den Krieg um die sagenumwobene Stadt neu interpretierte. Petersen stellte den Stoff teilweise völlig auf den Kopf, um uns seine Version der Ilias zu vermitteln. Unter anderem ließ er Agamemnon und Menelaos, die treibenden Kräfte des trojanischen Krieges, bereits bei Troja sterben.

Nun zeigt uns Christopher Nolan mit Die Odyssee seine Version des zweiten Epos. 

Handlung

Der Film wechselt immer wieder geschickt die Zeiten und erzählerischen Perspektiven.

Zum einen beobachten wir Odysseus’ Familie, seine Frau Penelope und seinen Sohn Telemachos. Sie warten auf die Rückkehr von Odysseus nach Ithaka, denn der Krieg um Troja ist schon lange beendet. Dabei werden sie von schmarotzenden Freiern belagert, die Odysseus für tot halten und sich mit Penelope vermählen wollen, um das Königreich an sich zu reißen. Der unverschämteste von ihnen ist Antinoos. Er möchte auch Telemachos töten lassen, damit der nicht die Königskrone beanspruchen kann.

Zum anderen verfolgen wir die Irrfahrt des Odysseus, der sich allerlei Gefahren stellen muss. Nolan behandelt folgende Stationen:

Ogygia, die Insel der Nymphe Kalypso. Hier verbringt Odysseus mehrere Jahre. Diese Station wird zusammengeführt, mit der Station der Lotusesser. Odysseus bekommt von Kalypso die Lotusblüte, die Vergessen bringt. 

Ismaros. Bei dieser zeitlich gesehen ersten Station nach Troja plündern Odysseus und seine Männer eine wehrlose Stadt und brennen sie nieder.

Insel der Zyklopen. Hier treffen die Irrfahrer auf den menschenfressenden Zyklopen Polyphem.

Land der Laistrygonen. Ursprünglich barbarische Menschenfresser, hier silbergerüstete Giganten, vernichten fast die gesamte Flotte. Nur das Schiff des Odysseus kann entkommen.

Aiaia, die geheimnisvolle Insel der Circe. Die gewalthassende Zauberin, verwandelt die Mannschaft von Odysseus präventiv in Schweine.

Hades, die Unterwelt. Hier trifft Odysseus auf verstorbene Gefährten, die er zurücklassen musste. Dort findet Odysseus auch den Seher Teiresias, den er laut Circe aufsuchen solle.

Die Sireneninsel. Odysseus lässt sich an dem Mast seines Schiffes binden, um dem verderbenbringenden Gesang mystischer Wesen zu lauschen.

Skylla und Charybdis. Charybdis ist ein gewaltiger, furchterregender Strudel neben hohen Felswänden. Skylla, ist ein sechsköpfiges Ungeheuer, das in diesen Felsen wohnt und vorbeiziehende Seefahrer verschlingt.

Thrinakia, Insel des Helios. Dort weidet der Sonnengott seine heiligen Rinder. Teiresias hatte Odysseus vorher eindringlich gewarnt, keines der Rinder zu töten.

Anschließend kehrt Odysseus nach Ithaka zurück, um sich der letzten Gefahr zu stellen: den Freiern seiner Frau …

Die im Film gezeigten Stationen der Irrfahrt, ausgenommen Calypso


Dem phantastischen Epos hätte mehr Phantastik nicht geschadet

Zudem ist es für ein Epos wenig episch. Leider wurden nicht alle gezeigten Stationen überzeugend umgesetzt. Die Station, die mir am meisten gefällt, ist die Insel der Zyklopen. Polyphem, der Zyklop, ist beeindruckend und verstörend. Es stört mich auch überhaupt nicht, dass Polyphem mit den Seefahrern nicht kommuniziert. Das passt für mich sogar sehr gut zu der verzerrten, fremdartigen Kreatur, die mit Genuss Menschen verschlingt.

Auch als Circe die Seemänner zu Schweinen geknetet hat, als wären die eine leicht formbare Masse, ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. Das ist mal eine ungewöhnliche Auslegung eines Verwandlungszaubers. 

Dann hört es aber schon auf, mit der faszinierenden antiken Fantasie. Kalypso hätte man sich meiner Meinung nach völlig sparen können. Ebenso wirkt das Aussehen der Laistrygonen absolut fehl am Platz. Die silbergerüsteten Schwertschwinger hätten besser in ein D&D-Abenteuer gepasst. Diesem topschicken Aussehen zuwiderlaufend stapfen sie nur stumpfe Gewalt bringend zwischen den Bäumen herum und metzeln ohne groß zu fragen, die Besucher nieder, nachdem ein kleiner Junge, ebenfalls in blitzblinkender Rüstung, die Seefahrer erblickt- und geschrien hatte. 

Warum greifen die Hünen überhaupt ohne Verhandlung an? Nur weil ein kleiner, geschniegelter Junge rumheult? Diese Szene wirkt hilflos und gestellt und versucht, dem Original gerecht zu werden, ohne ihren eigenen Wert zu beweisen.

Auch aus Charybdis hätte man mehr machen können. Bei Nolan bekommt er nur einen kurzen Auftritt, als verwässerte CGI-Kreatur. Hades ist nicht mehr, als karges, schwarzes Land im Nebel. Es gab nichts, das mir den Eindruck vermittelt hätte, man wäre in der Unterwelt.

Hier hätten weniger Stationen vielleicht mehr bewirkt. So erscheint Irrfahrt gezwungen und gehetzt.


Der ethnische Elefant

Ja, und auch diesen Elefanten im Raum möchte ich benennen. Helena von Troja und ihre Schwester mit schwarzen Darstellerinnen zu besetzen, oder Odysseus’ Mannschaft mit einer bunten Riege, die auch Schwarze und Asiaten enthält, kann eigentlich nur einen von zwei Gründen haben: Entweder man setzt auf den guten alten Gaul der Vielfalt und der Repräsentation, oder man versucht dem Werk einen künstlerisch höheren Wert zu verleihen, indem man auch Menschen mit an Bord holt, die es zur Zeit der alten Griechen bei den Griechen in dieser Funktion nicht gegeben hat.

Gleich vorweg: Es hätte der Geschichte selbst eigentlich keinen Abbruch getan, hätte man Helena meinetwegen mit einer Na’vi besetzt, wenn Nolan und Cameron sich einig wären, oder mit einem Marsmädchen. Mir ist das völlig egal. Ich persönlich profitiere weder vom Erfolg des Filmes, noch habe ich Schmerzen bei einem Misserfolg.

Viele Befürworter der Helena-Besetzung argumentieren, dass es nur eine Fantasy-Geschichte sei. Helena selbst, sei ein Fabelwesen, weil ihr Vater Zeus ihre Mutter Leda in Gestalt eines Schwans geschwängert habe. Von den her könne sie ganz selbstredend auch eine Schwarze sein (ihr strukturellen Rassisten).

Ich sage: Von dem her könnte sie aber auch eine Na’vi sein, oder eine Gartenzwergin. Jedoch wäre die Verwunderung bei der Implementierung dieser Figuren in die alte Sage sicher noch viel größer, als jetzt bei der schwarzen Helena. Es würden sich viele Zuseher mehr aus der Geschichte herausgerissen fühlen. Der Spott von allen Seiten wäre groß. Aber warum? Schließlich wird von den Befürwortern der schwarzen Helena argumentiert, dass es sich bei Homers Werk um eine Fantasygeschichte handle. Wie könnte da eine Gartenzwergin Helena stören?

Was man gerne außer Acht lässt (das habe ich bereits in meinem Artikel zur kleinen Meerjungfrau aufgegriffen): Man kann nicht jede noch so weltfremde Idee damit rechtfertigen, dass es nur Fantasy sei. Auch Fantasygeschichten brauchen die Realität als Referenz, wenn sie etwas taugen sollen.


Einfaches Beispiel: Wasser ist nass (wir bleiben bei flüssigem Wasser). Wenn ich in meiner Fantasygeschichte, die auf einer fremden Welt spielt, davon erzähle, dass Figur A in einem See badet, weiß der Leser automatisch, dass die Figur nass wird. Ich brauche das nicht extra auszuführen. Der Leser weiß es, weil er es selbst erlebt hat: Die Berührung mit Wasser macht nass. Hier gibt es also eine Referenz zu unserer Welt.

Natürlich kann ich als Autor der Geschichte nun beschließen: „Ne, bei mir ist Wasser trocken!“ Ist doch Fantasy, ist doch meine Welt. Mir steht es frei, mich nach Herzenslust auszutoben. Vielleicht erkläre ich es anschließend sogar zu einer Art künstlerischem Akt. Aber ich darf nicht erwarten, dass meine Leser diesen Geistesblitz ebenso feiern. Wenn trockenes Wasser in meiner Geschichte ein physikalisches Gesetz ist, ich aber keine Erklärung dafür liefere, sondern es als selbstverständlich sehe, darf ich mich nicht wundern, wenn ein Großteil der Leser mit meiner Idee nichts anfangen kann.

Die daraus folgende Ablehnung ist vorhersehbar. Aber die Schuld für die Ablehnung, bei den Konsumenten zu suchen – struktureller Rassismus etc. – ist in meinen Augen eine ganz miese Nummer, ganz egal, ob diese Schuldzuweisungen von den Machern oder den Befürwortern dieser Idee kommen. Nur allzu leicht kann man es so aussehen lassen, als wäre man der bessere, weisere, intelligentere Mensch, wenn man experimentelle Ideen, die sich vielleicht auch auf neue Ideologien stützen, feiert.

Natürlich gibt es auch jene, die mit Menschen anderer Hautfarbe nichts anfangen können und deshalb am Cast herumnörgeln. Aber ich glaube, das sind die wenigsten. Vielmehr pickt man sich diese wenigen heraus, um alle Kritiker zum schamerfüllten Schweigen zu bewegen.

Wahrscheinlich bin ich mir sogar mit den meisten Griechen einig, wenn ich sage, dass ich persönlich mit Nolans bunter Mischung nichts anfangen kann. Diese uralten Geschichten sind Teil, griechischer, nein, unserer europäischen Kultur. Unsere Kultur achte ich nicht geringer, als fremde Kulturen, deren Mitglieder es auch nicht gerne sehen würden, wenn ihre Geschichten neuen Kunstformen oder neuen Ideen zum Opfer fallen würden.


Das Warten auf die Rückkehr

Sehr gelungen finde ich den Part in Ithaka. Penelope und Telemachos geben die Hoffnung nicht auf, dass Odysseus zu ihnen zurückkehrt. Sie werden seit Jahren belagert von Freiern, die langsam die Vorräte ihrer Gastgeber aufbrauchen. Inoffizieller Anführer der Freier ist Antinoos. Er gibt sich verständnisvoll, teilweise sogar charmant, wartet aber auf eine Gelegenheit, Telemachos aus dem Weg zu räumen. Die könnte sich tatsächlich ergeben, als Telemachos heimlich zu Menelaos, dem König von Sparta, und Ehemann von Helena, aufbricht, um mehr über seinen Vater zu erfahren.

Nolan bleibt hier viel näher an der Vorlage, als damals Wolfgang Petersen in seinem Film. Menelaos stirbt nicht in Troja, sondern kehrt mit Helena in seine Heimat zurück. Er wird auch nicht als mieses Ekel dargestellt, sondern eher als treuer Gefährte von Odysseus, der Telemachos bei sich willkommen heißt.

Auch Agamemnon, der mächtige Bruder von Menelaos, stirbt nicht in Troja, sondern kehrt, wie im antiken Original, zurück nach Mykene. Aber er stirbt dort, wie uns der Film in leider viel zu langen Dialogen, aber viel zu kurzen Bildausschnitten erzählt. Wie in der Vorlage wird er von seiner Frau und deren Liebhaber ermordet, als Rache dafür, dass Agamemnon seine Tochter für günstige Winde nach Troja den Göttern geopfert hat. Bei so viel Treue zum Original ist es mir ein Rätsel, warum sich Nolan dazu entschieden hat, Agamemnon in seiner Rüstung wie Darth Vader aussehen zu lassen. Auch so etwas reißt mich raus.

Trotzdem: Gerade dieses letzte Drittel, die Reise des Telemachos und die Rückkehr des Odysseus, ist wirklich stark und spannend umgesetzt.

Flucht von der Insel der Zyklopen


Trojas Fall

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits erleben wir einen einzigartigen Film, der sich weit von den üblichen standardisierten Hollywood-Blockbustern abhebt, mit ungewöhnlicher Kamera zu überzeugen weiß, und zudem einen Soundtrack liefert, der die Kinositze wackeln lässt. Andererseits besitzt Nolan hier überhaupt kein Gespür für epische Szenen und Kämpfe. Wer wie ich so etwas liebt, kommt in diesem Punkt nicht auf seine Kosten. Auch kann Nolan menschliches Leid nicht wirklich an den Zuschauer herantragen.

Troja von 2004 war ein einfacher Blockbuster. Aber er war um ein Vielfaches epischer. Da wurde eine Flotte gezeigt, bestehend aus tausend Schiffen, gewaltige Heere marschierten gegeneinander auf, die Kämpfe waren beeindruckend, bis hin zum fantastischen Zweikampf von Hektor gegen Achilles.

Kämpfe sind nicht Nolans Stärke. Das hat er bereits in The Dark Knight Rises belegt, in dem vor allem Zweikämpfe eher langweilig wirkten. In Die Odyssee haben wir nun einen furchtbaren Krieg, der danach schreit, uns emotional aufzuwühlen. Doch die Erstürmung Trojas gerät eher zu einer schlichten Sammlung generischer Kampfbilder. Hier mal ein Feuerchen, da mal ein Schrei, dort laufende Soldaten, die dabei sind, Troja zu stürmen. Mittendrin steht Darth Vader – nein – Agamemnon vor dem Stadttor. Nur aus Erzählungen erfahren wir, dass sich bei den Griechen gerade zehn Jahre Frust entlädt. Die Bilder haben keine Emotionen in mir ausgelöst.

Wir sehen zum Beispiel aus der Perspektive von Odysseus Zendayas Köpfung. Sie spielt eine Priesterin der Athene. Odysseus nimmt dieses Erlebnis so sehr mit, dass ihm später genau diese Priesterin als Göttin Athene erscheinen wird. Aber Nolan kann uns keine nahegehenden Szenen zur Ermordung der Priesterin liefern.


Vom listigen Abenteurer zum gebrochenen Krieger

Krieg ist Mist! Das wissen wir, und das haben sicher auch die Menschen vor 3000 Jahren gewusst. Warum wir trotzdem teilweise so sehr vom Krieg bis zum Wahn fasziniert sind, müssen andere Leute klären.

Dass Christopher Nolan die Kämpfe schwach in Szene setzt, und uns vor allem durch Dialoge näherbringen will, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Die Odyssee auch etwas von einem Antikriegsfilm enthält.

In Odysseus lernen wir den traumatisierten Krieger kennen. Nolans Odysseus ist eine großteils stark geschriebene Figur. Durch seine Augen versuchen wir den Schrecken des Krieges zu greifen. Wenn wir ihn beobachten, werden wir zwangsläufig mit der Frage konfrontiert, wie viel Leid wir selbst ertragen können, bevor wir in eine Traumwelt fliehen. In eine Welt voller Zyklopen, Menschenfresser, Hexen und Ungeheuer. Manchmal erscheint Odysseus die Göttin Athene. Aber ist es wirklich die Göttin? Oder sind bei Nolan die Götter nur ein Ausdruck der eigenen Schuld?

Und welche Bedeutung haben die griechischen Götter für uns Menschen der Moderne? Sie und die legendären Prüfungen des Odysseus, wofür mögen sie heute stehen? Für ein Schicksal, dem wir nicht entkommen können? Sind die Götter ein Sinnbild für höhere Mächte (Naturgewalten), die wir nicht beeinflussen können? Ungeheuer als archetypische Vertreter unserer Prüfungen und Herausforderungen?

Das Ursprungswerk, auf dem Nolans Geschichte beruht, ist keine oberflächliche Fantasy, sondern eine Allegorie auf unsere wiederkehrenden Prüfungen, egal in welcher Epoche wir uns befinden.

Aber auch hier hat die Medaille zwei Seiten. Denn dieser gebrochene Soldat, dieser König auf der Suche nach seinem Reich, ist nicht mehr der verwegene Abenteurer der alten Geschichte. Dass dieser Odysseus listenreich ist, erfahren wir ebenfalls nur aus Erzählungen. Gezeigt wird uns oft das Gegenteil. 

Ein Trojanisches Pferd bäumt sich auf, sodass es auf zwei Beinen steht? So eine Konstruktion ist nicht listenreich, sondern einfach dumm. Dementsprechend ist auch ein Teil der Soldaten in dem Pferd ersoffen, als die Flut gekommen ist, weil das Pferd aufgrund der enormen Punktlast in den weichen Untergrund gesunken ist.

Auch nicht besonders listig: Odysseus schießt völlig ohne Not auf den Zyklopen und reizt ihn dadurch so sehr, dass er die Verfolgung aufnimmt. Dadurch sterben wieder Soldaten.

Zudem lässt Nolans kriegsgebrochener Odysseus, der unter dem gesehenen Schrecken Trojas leidet, eine wehrlose Stadt niederbrennen. Warum? Weshalb? Weil es in der ursprünglichen Geschichte steht? Aber zu Nolans Odysseus passt das nicht.

Es passt auch nicht zu diesem Odysseus, sich an den Mast fesseln zu lassen, um den Sirenen zu lauschen. Diese natürliche, fast kindliche Neugier hat ihm das Drehbuch schon vorher genommen. 

Ismaros und die Sirenen von der Reiseliste zu streichen, hätte dem Film gutgetan. Odyseus wäre dann zumindest ein Charakter ohne Widersprüche.

Sehr schön ist jedoch das Ende von Odysseus’ Heldenreise: Der allerletzte Teil seiner Reise ist der Versöhnung mit sich selbst gewidmet, und seinen verstorbenen, zurückgelassenen Kameraden, die er nicht beerdigen konnte. Der letzte Aufbruch nach Westen, mit Penelope an seiner Seite, ist ein Zeichen dafür, dass er seinen Frieden gefunden hat. Erst jetzt, als er zum letzten Mal in See sticht, ist er wirklich gut nach Hause gekommen.

Fazit

Christopher Nolan verwandelt Odysseus, den listenreichen Abenteurer, in einen gebrochenen Soldaten. Jeder Zuseher muss selbst entscheiden, ob ihm dieser neue Odysseus gefällt, aber natürlich entsteht dadurch bei der Figur mehr Tiefe. Jedoch wirken die Handlungen des Helden aufgrund der Wandlung nicht immer durchdacht. Logische Erklärungen, warum sich dieser gebrochene Odysseus in manchen Stationen wie der ursprüngliche Abenteurer verhält, liefert Nolan nicht. Eigene Ideen über die neue, dem Charakter angepasste Motivationen hätten hier Odysseus glaubhafter wirken lassen. Vielleicht hätten dann einige Stationen weniger gehetzt und weniger fantasielos auf mich gewirkt.

Auch lassen mich die erzählten Tragödien (z. B. Fall von Troja, Agamemnon opfert seine Tochter) seltsam kalt. Hier hätte man mehr mit den Emotionen der Zuschauer spielen können.

Im Film werden Erzählungen mit gezeigten Ereignissen vermischt. Das gelingt meist sehr gut, ist aber auch ein Grund meiner distanzierten Haltung, zu den großteils überzeugenden Figuren. Für mich entfaltet der Film erst im letzten Drittel sein ganzes Potenzial. Nolan gelingt es hervorragend, den Handlungsstrang von Ithaka, einschließlich Odysseus’ Rückkehr, in Szene zu setzen. Da hat mich der Film schließlich doch gepackt.

Gelungen sind auch die zeitlichen Sprünge, die zusätzlich Spannung erzeugen und die knapp drei Stunden im Nu vergehen lassen. Zudem bekommen wir einen einzigartigen Soundtrack geboten. Ich weiß: Der Soundtrack gefällt nicht jedem. Mir hat er gefallen.

Meine Gefühle sind also, wie schon gesagt, gemischt. Für mich ist Die Odyssee ein sehr unterhaltsamer, herausstechender Film, der jedoch das abenteuerliche Flair des Ursprungswerks vermissen lässt. Gelohnt hat sich der Kinobesuch aber allemal.

Illustrationen: Michael Sagenhorn mit ChatGPT 2026

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Über Michael Sagenhorn

Im bürgerlichen Leben: Michael Schnitzenbaumer, lebt in Poing bei München, mit seiner Frau Steffi und seinen beiden Kindern Tatjana und Sebastian. Beruflich ist er als Webentwickler tätig, und natürlich auch als Grafiker und Illustrator. Neben den Hobbys 'Fotografie', 'Reisen und 'Kochen' liest er für sein Leben gerne phantastische Romane. Sofern es seine Zeit zulässt, spielt er auch mal gern ein Computerspiel. Was ich mag! Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft, Empathie, Romantik - Ohrenstöpsel und Tante Gretels Apfelkuchen. Was ich nicht mag! Verrat, Geldgier (obwohl ich gegen Geld oder Reichtum gar nichts einzuwenden habe), Egomanie - früh aufstehen.

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