Der Nebel – Filmkritik

Michael Sagenhorn/ September 9, 2026/ Horror, Kino und Film/ 0Kommentare

Es gibt nicht viele Stephen King-Verfilmungen, die meines Erachtens rundum gelungen sind. Nicht einmal Christine würde es in meine Top-Liste schaffen, obwohl hier mein Lieblingsautor seiner Zeit die Vorlage für einen Film meines Lieblingsregisseurs und Filmkomponisten seiner Zeit, John Carpenter, geliefert hat.

Auch die Neuverfilmung von ES gehört nicht zu meinen Favoriten, so unterhaltsam sie auch ist. Kings Stärke war es nicht, übernatürlichen Horror mit neuen Facetten auszustatten, sondern jenen Horror in die Alltagssorgen und -herausforderungen der Menschen einzuweben. Daraus gediehen packende, teilweise erschreckende Geschichten: Friedhof der Kuscheltiere, Cujo, Carrie.

Von dieser Warte aus gesehen, sind Kings Geschichten nicht, wie manche behaupten, veraltet, sondern zeitlos, weil die Essenz seines Schreckens tief in unserer Psyche verankert ist. In seinen Büchern hat King gezeigt, dass er es versteht, die Menschen durch eine Mischung aus natürlichem und übernatürlichem Schrecken in Bann zu ziehen. In den meisten Filmen zu seinen Buchvorlagen wird dieses Talent nicht genügend transportiert: Beispiel ES: Der gestörte Junge, der seinen kleinen Bruder, ein Baby, ermordet, wird in den Verfilmungen nicht einmal erwähnt, geschweige denn, uns sein Innenleben nähergebracht.
Auch die Enden müssen immer wieder angepasst werden, um die Geschichten massentauglicher zu machen. Siehe ES-Neuverfilmung oder Cujo. Für mich geht hier viel vom Grauen der originalen Geschichte verloren. Sie wird verwässert.
Nicht so bei Der Nebel. Dieser Film ist vielleicht neben Shining die einzige King-Horrorverfilmung die mir unter die Haut geht.

Das liegt zum einen an der Geschichte selbst. Für mich ist sie eine der besten übernatürlichen King-Kurzgeschichten überhaupt, die in seiner Anthologie Im Morgengrauen erschienen ist. Nur Travel, Das Floß (Gesang der Toten) und Kinder des Mais (Nachtschicht) haben mich ähnlich mit ihrer Schonungslosigkeit gefesselt.

Zum anderen haben wir in Frank Darabont einen Autor und Regisseur am Werk, der es versteht, Stephen King-Geschichten auf das Medium Film zu transferieren. Darabont hat sich schon bewiesen, als Macher der Filme Die Verurteilten und The Green Mile, die zu den besten Literaturverfilmungen von Stephen King zählen.
Dass er auch Ahnung von Horror hat, konnte er in der Vergangenheit bereits unter Beweis stellen. Als Drehbuchautor war er unter anderem beteiligt an Nightmare 3 und The Blob. Beide Horrorfilme genießen heute Kultstatus.

Achtung! Hier wird es zu Spoilern kommen, zu dieser und zu weiteren King-Geschichten!

Handlung

In seinem Haus am See, nahe der Kleinstadt Castle Rock in Maine, arbeitet der Künstler David Drayton an einem neuen Filmplakat, als ein Unwetter aufzieht. Das Unwetter wütet in der Nacht, reißt sogar einen Baum um, der darauf in Davids Atelier fällt und dessen Arbeit zerstört.

Am nächsten Morgen fährt David mit seinem kleinen Sohn Billy und seinem Nachbarn Brent Norton in den nächstgelegenen Supermarkt, um Vorräte zu besorgen, und Material  für notwendige Reparaturen. Kurz bevor sie aufbrechen, entdecken sie eine dichte Nebelwand, die sich vom See aus auf sie zubewegt. David schenkt der Nebelwand keine große Aufmerksamkeit, verabschiedet sich von seiner Frau und fährt los.

Auf dem Weg zum Supermarkt kommt ihnen eine Kolonne Militärfahrzeuge entgegen. Sie fährt in Richtung des Nebels. Der Supermarkt selbst ist gut besucht. Im Hintergrund schießen weitere Militärfahrzeuge vorbei.

Es dauert nicht lange, da ertönt eine Sirene. Der Nebel rückt näher und hat fast den Supermarkt erreicht. Ein Anwohner, Dan Miller, torkelt verletzt in den Laden. Aufgeregt fleht er, alle Türen zu schließen. Der Nebel hüllt derweil den Supermarkt ein. Dan ruft, es seien Kreaturen im Nebel. David nimmt seinen Sohn und starrt nach draußen, doch es ist keine Sicht durch den Nebel mehr möglich.

Bald darauf erleben die Insassen des Marktes den Albtraum einer völlig undurchsichtigen Welt, die fremdartige, unbarmherzige Kreaturen beherbergt. Das Verlassen des Supermarkts, oder gar das Öffnen der Türen wird zum tödlichen Spießrutenlauf …

Die Tür zu einer anderen Welt

Während sich die Kurzgeschichte in Schweigen über den Ursprung des Nebels hüllt und dadurch zudem den Schrecken des Ungewissen verbreitet, punktet der Film mit einer soliden Erklärung.

Die Erklärung ist sowohl einfach als auch wirksam: Ein gescheitertes Militärexperiment hat nicht nur ein Fenster zu einer fremden Welt geöffnet, sondern gleich eine Tür, durch die die lebensfeindliche fremde Fauna zu uns dringen kann.

Diese Erklärung geht für mich deshalb in Ordnung, weil ich mir beim Lesen der Geschichte ohnehin so etwas in der Art gedacht habe. Es liegt nahe und ist schlüssig.

Die Faszination der neuen Welt liegt sowohl in ihrer Andersartigkeit, als auch daran, dass der Film mit einfachen Mitteln transportiert, wie unberechenbar und vielfältig ihre Fauna ist. Aufgrund des dichten Nebels, wird nicht viel benötigt, um ein Gefühl der Ausweglosigkeit und des Verlorenseins zu erzeugen. Wir sehen mit den Figuren durch das Supermarktfenster und erkennen nur den weißen Rauch, durch den die Silhouetten von insektenartigen Kreaturen erscheinen: Spinnen, die säurehaltige Fäden spucken, Tentakel, die mühelos das Fleisch von den Knochen reißen, Gottesanbeterinnen-ähnliche Wesen, die Menschen in zwei Hälften schneiden.

Selbst das in der Kurzgeschichte beeindruckendste Geschöpf wurde im Film sehr gut getroffen: Gegen Ende der Geschichte taucht ein Wesen in der Größe eines Hochhauses auf und zieht an David und seinen Mitstreitern vorbei. Weit oben sieht man, dass es von fliegenden Kreaturen begleitet wird, bevor es wieder im Nebel verschwindet. Beim ersten Mal ansehen, habe ich so gehofft, dass die Macher diese Szene a) im Film verwenden und b) sie nicht versauen. Eine Hoffnung, die im vollen Umfang erfüllt wurde. Denn die Szene macht deutlich, wie gigantisch die fremde Welt eigentlich ist.

Der Feind auch im Inneren

Bald bilden sich im Supermarkt mehrere Gruppen. Die Rationalisten wollen nicht wahrhaben, dass der Nebel tödliche Gefahren birgt. Fremdartige Kreaturen tun sie als Scherz oder Hirngespinst ab.

Die Apokalyptiker hingegen rufen das Ende der Welt aus, weil sie den Nebel als Strafe Gottes erachten. Angeführt wird diese Gruppe von der radikalen Demagogin des Glaubens Mrs. Carmody, sensationell gespielt von Marcia Gay Harden. Mrs. Carmody gehört für mich zu den toxischsten und verachtenswertesten Figuren in einem Hollywoodfilm. Das geht sicher nicht nur mir so. Es gibt eine Szene mit Mrs. Carmody – ich erwähne sie hier nicht –, da jubelte das ganze Kino. So etwas habe ich in diesem Zusammenhang noch nicht erlebt.

Kleine Kostprobe. Carmodys Antwort auf Amanda Dunfrey, als die ihr angeboten hatte, sich mit ihr auszusprechen: „Wenn ich einen Freund wie Sie benötige, setze ich mich hin und scheiße ihn aus.“

Am Ende schreckt Mrs. Carmody noch nicht einmal davor zurück, Kinder für ihren Wahn zu opfern.
Das zeigt ganz gut, dass nicht nur die fremden Wesen eine Bedrohung sind, sondern auch der Mensch selbst, der zu einem tödlichen Feind wird.

Die Chemie zwischen den Akteuren im Supermarkt passt! Durch ihre Interaktionen bleibt der Film bis zum Schluss spannend, auch wenn man die Geschichte bereits kennt.

Das Ende

Dass unter anderem auch Filmenden hin und wieder angepasst werden müssen, ist ganz normal, da das Medium Roman anders funktioniert, als das Medium Film. Die Kunst bei der Anpassung ist, den Kern der Geschichte zu bewahren. Natürlich ist das nicht immer leicht. Nur zu gut verstehe ich, dass bei Cujo der kleine Vic am Ende überlebt, ganz im Gegensatz zum Buch. Teilweise mögen wir sogar erleichtert sein, dass das böse Schicksal der Vorlage im Film abgewendet wird. Diese Erleichterung kann sich dann auf die Einspielergebnisse niederschlagen. Schließlich ist ein Film teurer in der Produktion, als ein Buch. So versucht man zudem einen Flop zu vermeiden.

Nicht jeder Roman muss 1:1 auf Film umgesetzt werden. Etwas Neues zu zeigen, hat auch seinen Reiz. Trotzdem finde ich es besser, wenn sich der Film, von der Stimmung her an die Buchvorlage hält.

Umso mehr hat es mich gefreut, dass das Ende bei Der Nebel von der Stimmung her absolut zur Geschichte passt. Es ist zwar anders als im Buch, aber trotzdem ausdrucksstark, ohne das Grauen abzuschwächen. Das Grauen verlagert sich nur. Wer Film und Kurzgeschichte kennt, weiß, was ich meine. Die Kurzgeschichte endet damit, dass unsere Figuren mit ihrem Auto durch den Nebel in eine ungewisse, aber mit Sicherheit tödliche nahe Zukunft fahren. Der Nebel scheint grenzenlos zu sein. Das Leben, wie sie es kennen, existiert nicht mehr. Diese niederschmetternde Erkenntnis, und das damit verbundene Grauen, können im Film nicht so wirkungsvoll umgesetzt werden. Daher hat man sich für eine andere Idee entschieden. Das Ende werde ich hier nicht verraten. Nur so viel: Es ist eins der bösesten Enden in einem Horrorfilm. Aber es rundet den Film ab, verbindet Hoffnung mit tiefem Entsetzen – und als ob das noch nicht genug wäre, erlebt jeder, der zu Beginn des Films aufgepasst hat, noch einen zusätzlichen Schlag in die Magengrube. Stichwort: besorgte Mutter im Supermarkt.

Hier spielt Darabont regelrecht mit den Emotionen der Zuschauer und beweist, dass er King in manchen Sachen ebenbürtig ist.

Erwähnenswert ist noch, dass die Figur David Drayton an einen erst kürzlich verstorbenen tatsächlichen Filmposter-Artist angelehnt ist: Drew Struzan. Struzan erstellte nicht nur das Poster für Der Nebel, sondern auch die Poster von Darabonts weiteren King-Filmen Die Verurteilten und The Green Mile. Zudem arbeitete er für Steven Spielberg (u. a. Jurassic Park) und George Lucas (u. a. Krieg der Sterne). Das im Film zu sehende Werk, an dem Drayton arbeitet, das Plakat zu Das Ding aus einer anderen Welt, dem Sci-Fi-Horrorfilm von John Carpenter, ist ebenfalls von Struzan.

Fazit

Der Nebel ist eine mutige Umsetzung von einer der beklemmendsten Stephen King-Kurzgeschichten. Auch der Soundtrack verarbeitet akustisch die quälende Hoffnungslosigkeit der Geschichte: Das durchdringende Klagelied The Host of Seraphim von der Band Dead Can Dance könnte nicht besser gewählt sein. Dieses Lied kommt öfter in Filmproduktionen zum Einsatz, z. B. in Die Legende der Wächter. Es passt gerade zum Ende hervorragend und unterstreicht die ausweglose Stimmung, die die fremde, tödliche Welt verbreitet.

Dass eine gelungene Umsetzung dieses Stoffes nicht selbstverständlich ist, und man den Stoff auch in den Sand setzen kann, hat die gleichnamige Netflix-Serie bewiesen. Die Macher haben nichts von dem grauenerregenden Kern der Geschichte verstanden und wählten einen neuen Ansatz. Die Serie wurde nach der ersten Staffel eingestellt. Zurecht.

Der Film jedoch ist für mich ein gelungener, teils verstörender Creature-Horror mit bedrückenden Endzeitelementen und einem realen Monster: religiösem Wahn. Wer solche Filme mag, kann hier bedenkenlos zugreifen.

Der Nebel ist auf Blu-ray und DVD erhältlich.

Bildquelle: © Wild Bunch Distribution

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Über Michael Sagenhorn

Im bürgerlichen Leben: Michael Schnitzenbaumer, lebt in Poing bei München, mit seiner Frau Steffi und seinen beiden Kindern Tatjana und Sebastian. Beruflich ist er als Webentwickler tätig, und natürlich auch als Grafiker und Illustrator. Neben den Hobbys 'Fotografie', 'Reisen und 'Kochen' liest er für sein Leben gerne phantastische Romane. Sofern es seine Zeit zulässt, spielt er auch mal gern ein Computerspiel. Was ich mag! Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft, Empathie, Romantik - Ohrenstöpsel und Tante Gretels Apfelkuchen. Was ich nicht mag! Verrat, Geldgier (obwohl ich gegen Geld oder Reichtum gar nichts einzuwenden habe), Egomanie - früh aufstehen.

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